21. Reisetürchen

Tokio (Japan) – März 2015

Der Plan war eigentlich ganz einfach: Ich verschwinde etwas früher von der Rezeption, helfe meiner Freundin/Kollegin/Mitbewohnerin noch beim Aufräumen des letzten Hotelzimmer und dann verschwinden wir von der Nachtschicht nach Hause.
Als wir die Tür zum Zimmer jedoch aufmachen müssen wir feststellen, dass das halbe Zimmer zerstört ist. Überall liegt Kleidung herum, die Möbel sind zum Teil umgeworfen und Gegenstände sind über das Zimmer verstreut.
Wir gucken uns nur an und kontrollieren ob der Gast wirklich aus gecheckt hat. Als das System zeigt, dass er den Schlüssel persönlich abgab rufen wir unsere Vorgesetzte an. Wenn wirklich nur Kleidung und anderes herum liegt sollte, dann sollen wir die Dinge einfach in Pappkartons packen und ins Lager stellen und eine Schadensliste anfertigen.

Gesagt getan.
Doch nach und nach scheint es so als sei tatsächlich der gesamte Hausstand zurück gelassen worden. Wir finden Dokumente, Geldbörsen, Fotos, unterschiedliche Kreditkarten und Pässe. Nach einem Anruf bei weiteren Vorgesetzten steht der Plan fest. Die Dinge müssen weiter in Kisten verpackt werden, denn das Zimmer ist ab dem nächsten Tag wieder vermietet, doch sollen die Sachen nun sortiert gelagert und mit Beschriftungen versehen werden.
Da geht die Nacht hin. Tschüss pünktlicher Feierabend. Weiterlesen

20. Reisetürchen

(Fussa) Japan – Oktober 2015

„Ihr müsst heute Abend nicht mit dem Zug nach Hause. Ihr seid herzlich eingeladen bei uns auf der Base zu übernachten.“
Der Zugverkehr zurück nach Tokio ist wirklich unglücklich. Meine amerikanische Begleitung ist sofort begeistert, doch ich selbst zögere noch.
„Es handelt sich um eine Amerikanische Militärbasis, oder?“, frage ich vorsichtig.
„Ja. … Hast du deinen Pass vergessen, oder was macht dich so unsicher? Du warst doch Engländerin, oder Deutsche? Dann sollte das wirklich kein Problem sein.“, sagt meine Begleitung.
Ich habe dennoch Bedenken. Weiterlesen

19. Reisetürchen

Peking (China) – 2015

Wie taktet man seine Anti-Baby-Pille, wenn man zwei Tagen durch drei verschiedene Zeitzonen reist.
Probleme mit denen ich mich vorher noch nie beschäftigt habe.
Meinen Wecker kann ich dafür vergessen und so sitze ich in Peking und rechne selber nach wie viel Zeit mittlerweile vergangen ist.
Das Jetlag und meine Rechenschwäche macht das Vorhaben natürlich nicht gerade einfacher.
Am Ende beschließe ich sie einfach spontan abzusetzen. Ich habe im Moment eh keinen Sex, wahrscheinlich werde ich auch die nächsten Wochen mit niemandem Schlafen, meine Libido ist eh unglaublich gering… Warum sollte ich mir all den Aufwand machen. Sollte ich je wieder ein Sexualleben haben, dann kann ich ja einfach wieder anfangen. Weiterlesen

17. Reisetürchen

Inawashiro (Japan) – Januar 2015

Da sitze ich nun an der Bahnstation und die Telefonnummer bei der ich mich melden soll um abgeholt zu werden funktioniert ist.
Niemand spricht Englisch, meine Gastgeber sind nicht zu erreichen, ich habe keine Adresse und keinen Namen. Ich hinterlasse meine Telefonnummer auf allen erdenklichen Kommunikationswegen, doch niemand meldet sich die nächsten 12 Stunden.
Als gegen 22/23 Uhr die Bahnstation geschlossen wird, scheucht mich der Mitarbeiter mit meinen Sachen auf die kalten Straßen voller Schnee. Nirgendwo gibt es öffentliches WiFi und so stapfe ich nachts durch eine japanische Kleinstadt. Hotels sind nicht zu sehen, das Wasser ist mittlerweile in meine Schuhe gelaufen und alle Lichter sind aus. Weiterlesen

06. Reisetürchen

Tokio (Japan) – März 2015

„Arrrrrrgg“, macht meine Mitbewohnerin bevor sie hinter sich die Tür zuschlägt. Wir sitzen auf der Couch und gucken nur irritiert.
Ihr Date schien wohl nicht erfolgreich gewesen zu sein. Als wäre Dating allein nicht schon schwierig genug, hat sich meine amerikanische Mitbewohnerin vorgenommen mit einem Japaner auszugehen. Interkulturelles Dating. Eine Geschichte voller Missverständnisse. Ich habe bis heute nicht verstanden wie man fremde Japaner:innen anspricht, ohne wie ein Auto angeguckt zu werden.

Während meine europäischen Mitbewohner ständig bei unterschiedlichen japanischen Frauen landen, kommt meine Mitbewohnerin stetig frustriert nach Hause. Weiterlesen

„Gaijin“

„Wow, du warst in Japan?“
„Korrekt.“
„Das ist ja so cool! ich wollte schon immer mal nach Japan und habe mir selbst japanisch beigebracht. Wie war es und sieht es wirklich so aus, wie in Anime xy?“

IMG_7959Tut mir leid Japan-Fans:
Ich habe weder Ahnung von Animes, Mangas oder Cosplays, noch war es mein großer Traum nach Tokio zu ziehen.
Umso schwerer fällt es mir, auf solche Fragen eine Antwort zu wissen.

In Japan landete ich durch Zufall. Eigentlich wollte ich nach Hongkong ins Bildungswesen, was jedoch mit Beginn der Regenschirmproteste Ende 2014 unmöglich wurde.
Der Flug nach Asien war bereits gebucht, die Landung in Tokio eine Notlösung. Weiterlesen

Eine Geschichte über Lost & Found

Nach Hause kommen, Wohnungstür schließen, über die Katze stolpern, Tasche abstellen und plötzlich PANIK!
Das Einhorn ist weder in meinem Arm noch an seinem Platz. Ich muss es heute irgendwo liegen gelassen haben! Schnell gehe ich in meinem Kopf alle Wege des Tages durch, schreibe Freunden und auf Twitter.

IMG_20151005_151546313Auch auf Konferenzen verschwindet es ab und an, doch da Menschen mich kennen und ein pummeliges Plüscheinhorn recht ungewöhnlich ist, hat es bis jetzt immer wieder seinen Weg nach Hause gefunden. Allerdings trägt es dort häufig ein Namensschild, das auf meinen Twitter-Account verweist.

Schnell wähle ich die Nummer der Verkehrsgesellschaft.
„Bin ich da richtig beim Fundbüro?“
„Ja“ grummelt eine schlecht gelaunte Frau am anderen Ende der Leitung.
„Ich glaube ich habe soeben mein Einhorn in der Buslinie x liegen gelassen!“ Weiterlesen

Hiroshima und der japanische Antimilitarismus

August 2015

Während tausende Menschen auf den Straßen Tokyos gegen die geplante Verfassungsänderung protestieren, stehe ich vor dem Gästebuch des „Peace Memorial Museums“. Ein sehr gemäßigter Name für das Friedensmuseum Hiroshimas, das bis ins kleinste Detail die Folgen des Atomschlags der Amerikaner 1945 zeigt.

50Yen (ca 50ct) kostet der Eintritt. Für etwas mehr bekommt man einen Audio-Guide, der einem in vielen Sprachen das Grauen der einzelnen Ausstellungsstücke präsentiert. Nach der Hälfte schalte ich ihn aus, zu traumatisierend sind die Geschichten.

Als die Amerikaner mit der Atombombe „Little Boy“ ganz Hiroshima und auf einen Schlag 80.000 Menschen von der Landkarte löschten, explodierte nicht einmal das gesamte Material. Die geplante Katastrophe hätte schlimmer ausgehen sollen.
IMG_20150831_180233841Das Bild des Ergebnisses ist so schlimm, dass der anwesende Fotograf lediglich in der Lage war, ein einziges Foto zu schießen.
Bis heute ist es das einzige Bild, das die Stadt direkt nach dem Anschlag zeigt.
Brennende Menschen. Die Haare zerzaust, die Haut verbrannt, häufig bis zur Unkenntlichkeit. Viele Leichen können nur noch an ihren Habseligkeiten identifiziert werden. Beispielweise der Name auf der verbrannten Brotdose oder eine Halskette sind jetzt die Dinge, die den Angehörigen die traurige Nachricht übermitteln und Gewissheit schaffen. Weiterlesen

Andere Länder, andere Müllsysteme – Japan das Land des Plastikmülls

Ich kaufe in einem japanischen Supermarkt einen Schokoriegel und unter einer Verbeugung wird er mir in eine weiße Plastiktüte eingepackt.
Eine neue Plastiktüte für einen Schokoriegel.

IMG_8554Ganz egal, welchen einzelnen Gegenstand man kauft, in Plastik wird er immer eingepackt, selbst wenn man direkt daneben seinen Rucksack öffnet, oder die Stofftasche schon in der Hand hält. Ein Kopfschütteln meinerseits, sowie ein ‚Ii desu.‘ (Ist schon gut) sind meine ersten angelernten Wörter im Supermarkt, noch vor ‚Sumimasen xy arimasu ka?‚ (Entschuldigung, haben Sie xy) und ‚ijou desu‚ (Das ist alles).
Die Verkäufer gucken dann meist irritiert, aber es lässt sich schwer sagen ob das daran liegt, dass ich gegen die Plastiktüten-Konvention verstoße oder mein grottenschlechtes Japanisch einfach schwer verstanden wird.

Nicht nur die Plastiktasche zum Transport ist eine reine Verschwendung, sondern auch häufig die Verpackung des Produktes an sich. Nicht selten ist jeder kleine Keks in der Keksverpackung noch einmal extra verpackt. Was wir nur aus speziellen „Familien-“ oder „To Go“ Verpackungen kennen, erlebe ich beim Öffnen jeder zweiten Tüte.

Noch nie hat sich bei mir so schnell Plastikmüll angesammelt wie in meiner Zeit in Tokio. Tüten, Verpackungen, aber vor allem Plastikflaschen lassen das Müllvolumen explodieren.

Mit viel Müll kommt auch viel Mülltrennung. Dabei ist dieses wie viele andere Regeln in Japan unglaublich streng. Es trennt sich in brennbar oder nicht brennbar. Dabei wird jedoch Papier häufig extra entsorgt und häufig gelten Extrabestimmungen. So muss zum Beispiel der Deckel einer Plastikflasche im Restmüll entsorgt werden und jene vor der Entsorgung von der Folie mit Aufdruck getrennt werden. Sieht die Müllabfuhr ein Vergehen kann es sein das der Müllbeutel nicht abgeholt wird. (ein schöner Blogeintrag dazu: „Brennbar oder nicht brennbar, das ist hier die Frage – Mülltrennung in Japan“) Weiterlesen