Zu Besuch in Kim Jong Uns Geschenke-Wunderland

Ich blättere mich durch die alten Aufzeichnungen meines Reisetagebuchs auf der Suche nach den Gedanken und Gefühlen, die mich noch Monate beschäftigt haben.
Die nordkoreanische Freundschaftsausstellung ist dabei Sinnbild für die Selbstdarstellung eines Machthabers, der keine Menschen neben sich duldet und am besten mit den Worten „Ich kann das, also will ich es“ beschrieben werden kann.
Als wir zum Ende unserer Reise vor den meterhohen hohen Bronzetüren stehen, die den Eingang in das Geschenke-Wunderland einer Diktatoren-Familie bildet und uns erzählt wird, dass diese in einem Guss gegossen wurden, sind wir bereits abgehärtet von Bronzestatuen und Monumentalbauten aller Art. Die Tür, die locker zwei- bis dreimal so hoch ist wie ich, wird nur noch mit einem Nicken abgetan.
IMG_9881 (2)Als uns von den über 150 Räumen auf über 50.000 m², die natürlich von Menschenhand in gerade einmal drei Jahren erbaut wurden, erzählt wird, laufen nur Zahlen durch meinen Kopf. Ganz lange Zahlen. Irgendwann sind Zahlen einfach nicht mehr zu begreifen.
„Das sind mehr Quadratmeter als die Stadt Münster an sozial genutzter Fläche hat… Oder ein Drittel Saarbrückens…“, erzählt mir später ein Mitreisender und bei dem Versuch, es mir bildlich vorzustellen, muss in meinem Kopf irgendeine Sicherung durchgebrannt sein.
Seit meiner Ankunft denke ich nur noch in Fußballfeldern, doch selbst diese Relation scheint langsam an ihre Grenzen zu stoßen. Weiterlesen

Welcome Back To Capitalism – Was nach Nordkorea bleibt

Da stehen wir nun plötzlich mitten in Peking auf dem Tian’anmen-Platz, starren auf die Touristengruppen, die eifrig Fotos machen und ich fühle …nichts.

Ich bin weder begeistert noch beeindruckt von dem, was ich sehe und dabei stehen wir auf dem wahrscheinlich größten befestigten Platz der Welt.

Oh ein großer Platz… Oh ein großer Park… Oh das Tor des Himmlischen Friedens… Ist ja ganz hübsch hier…

DSC05428Die anderen Touristen können gar nicht oft genug auf den Auslöser drücken, doch für mich ist alles so klein im Gegensatz zu dem, was ich in Nordkorea gesehen habe.
Nach 60m hohen
Triumphbögen, der Freundschaftsausstellung und dem alleinigen Besuch in einem 150.000 Zuschauer Stadion ist alles plötzlich unbedeutend und klein. Fast schon normal.
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Kalter Entzug

Ich trinke keinen Alkohol, nehme keine Drogen, konsumiere nicht ein mal Cannabis und trinke kein Koffein.

Die Müdigkeit setzte bereits nach drei Tagen ein.

DSC05025Morgens klingelte der Wecker zwischen sechs und sieben Uhr, zwischen acht und neun Uhr wurde das Hotel verlassen und es begann eine aufregende Tour durch Pjöngjang, doch spätestens zum Mittag ließen meine Kräfte nach. Häufig legte ich mich mittags noch einmal eine Stunde ins Bett und das, obwohl ich keinesfalls unter Schlafmangel litt. Meistens fiel ich gegen 18 Uhr tot ins Bett und schlief die gesamte Nacht.

Das erste Mal begann ich an Tag fünf meiner Nordkoreareise zu zittern. Weiterlesen

„Mein Freund der Führer“ – Ein Blick in das Bildungssystem Nordkoreas

Bildung ist in Deutschland ein hoch anerkanntes Gut. Es soll das selbständige Denken fördern, unsere anerkannten Werte vermitteln und so die Demokratie festigen.

Als wir mit den Planungen unserer Nordkoreareise begannen, wollten wir vor allem einen Einblick in das Bildungssystem erhalten. Uns war bewusst, dass dieses kompliziert werden würde.

Bereits im Vorfeld sprach ich viel mit der Reiseagentur, welche Optionen möglich waren und ob es möglich ist, mit Schülern und Lehrern in Kontakt zu kommen. Versprechen wurden uns keine gemacht, wir wurden lediglich über bestehende Möglichkeiten informiert, welche von unserem Benehmen vor Ort sowie anderen Faktoren und Glück abhängig sind.

DSC04340Nordkoreaner erzählen gerne von ihrem Bildungssystem, das flächendeckend sein soll. Kindergärten und Grundschulen gäbe es überall, Mütter könnten sofort wieder in den Beruf einsteigen, denn die Versorgung des Kindes sei vom Staat gedeckt. Internationale Wettbewerbe sind bereits von nordkoreanischen Kindern gewonnen worden, es gäbe eine Begabtenförderung und über das gesamte Land verteilt gäbe es Universitäten, welche man mit den richtigen Schulnoten besuchen könne. Weiterlesen

Vertrauen ist gute, Kontrolle ist Nordkorea

Keinen Schritt bewegen wir uns bei unserem Aufenthalt, ohne von einer Kamera oder einem unserer Reiseleiter beobachtet zu werden. Ungewohnt und beängstigend ist das Gefühl der Überwachung in diesem Ausmaß und nicht selten fühle ich mich unwohl.
Unser Reiseführer ist unglaublich entspannt und tolerant, oft genehmigt er uns Fotos, die Sicherheitsbeamte später bitten zu löschen.
IMG_9505Lediglich, wenn man gegen die allgemeinen Regeln Nordkoreas verstößt, muss man sich Sorgen machen. Auf dem Universitätsgelände fotografiere ich ohne böse Absichten die Bronzestatue Kim Il Sungs von hinten, etwas, was nicht nur unglaublich unhöflich, sondern schlichtweg verboten ist. Drei Minuten später steht plötzlich ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen habe, neben mir und deutet auf meine Kamera. Es dauert einen Moment bis ich verstehe, was er von mir möchte und Weiterlesen

Ein Leben zwischen Propaganda und Führerkult

Als ich zur Welt kam, war Hitler genau 50 Jahre tot, die Sowjetunion aufgelöst und Deutschland bereits wiedervereint.
Führerkult und Kommunismus sind Themen, die mir ausschließlich aus dem Schulunterricht bekannt sind und dort unter anderem so überrepräsentiert waren, dass jedes Mal ein gelangweilter Blick in den Gesichtern von mir und meinen Mitschülern auftauchte, wenn der zweite Weltkrieg mal wieder thematisiert wurde.
Kein Wunder, dass meine Generation „die Welle“ benötigt, um nicht dem Glauben zu verfallen, so etwas könnte nie wieder passieren.
Sieht man zur heutigen Zeit die Aufzeichnung einer Rede Hitlers, so wirkt sie fast schon karikaturartig, ebenso wie die nordkoreanische Selbstdarstellung aus unserer Sicht lächerlich scheint, wenn sie in vielen deutschen Nachrichten mit Schlagzeilen wie „Was plant der Irre aus Pjöngjang?“ durch den Kakao gezogen wird.
Militärparaden musikalisch unterlegt mit dem Hell March und Kim Jong Un Memes sind schon lange aus dem Internet nicht mehr wegzudenken.

Die erste Berührung mit nordkoreanischer Propaganda haben wir tatsächlich noch, bevor wir China überhaupt verlassen haben. Wo sonst vor dem Flugzeug internationale Zeitschriften ausliegen, gibt es die „Pjöngjang TIMES“, welche auf vier Seiten die schönsten Nachrichten Nordkoreas für uns bereithält. Mit seinen Artikeln von „Kim Jong Un weiht einen Staudamm ein“ bis hin zu „Ein Mädchen schreibt gerne Gedichte“ scheint das Blatt fast genauso skurril wie die Regeln, die es mit sich bringt. Knicken darf man die Zeitung nur, wenn dabei das Führerbild auf Seite eins ungeknickt bleibt, wenn Weiterlesen

Was wissen Nordkoreaner über die Außenwelt?

Nordkorea isoliert sich von der Welt, die Menschen leben abgeschottet mit Propaganda in Zeitungen, im Fernsehen und auf Plakaten.
Umso höher ist der Drang, etwas über die Außenwelt in Erfahrung zu bringen. Von jedem Nordkoreaner werden wir gefragt, ob das Leben in Deutschland ähnlich ist, was wir von den Ereignissen vor Ort halten und ob es uns gefällt.
Ich bemühe mich, so wahrheitsgetreu wie nur möglich zu antworten, auch wenn in meinem Hinterkopf das Wissen schlummert, gerade überwacht und kontrolliert zu werden.
Wie viel darf ich sagen?
Sollte ich sagen, was gehört werden will?
Kann ich durch bestimmte Aussagen Nachteile erhalten? Weiterlesen

Tweets aus Nordkorea

Bevor das Einhorn Blogeinträge schrieb, beschränkte es sich bei Twitter auf 140 Zeichen. Unter anderem erschienen „Tweets aus #Nordkorea“, eine Reihe, die schnell eine gewisse Bekanntheit erreichte.

Das Konzept ist denkbar einfach:

In Pjöngjang hatten wir keinen Zugriff auf das Internet, daher verfasste ich Tweets, speicherte sie in den Entwürfen und sendete sie mit genau 14 Tagen Verzögerung aus Deutschland.

TweetsAusKoreaAlle Tweets gibt es nun zum Nachlesen:

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Warum Nordkorea?

„Mama, ich flieg nach Nordkorea“
„Sag noch mal Bescheid, bevor es los geht und ob ich noch was einkaufen soll.“

Ganz so entspannt wie meine Mutter haben nicht alle Menschen meine Reise betrachtet. Viele Menschen waren um meine Sicherheit besorgt, konnten eine Nordkoreareise nicht nachvollziehen oder kritisierten mich für die Unterstützung eines totalitären Staates.

Warum Nordkorea?

photo_2015-09-30_20-17-15In meinem Leben war ich in mittlerweile 18 Ländern. Nie musste ich mich für eines rechtfertigen. Die Gründe, ein Land zu besuchen, können von ganz unterschiedlicher Natur sein. Für mich war es immer Interesse an den Menschen, der Kultur und Sprache. Wie Menschen abseits meines Tellerrandes oder meiner Komfortzone leben, interessiert mich. Dass die Reise nach Nordkorea nicht mit meinen anderen vergleichbar ist, ist aufgrund des Aufwandes schon im Vorfeld zu sehen; dennoch haben sich meine Beweggründe nicht verändert.

Ist Nordkorea sicher?

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1. Mai Stadion – Skurrile Erfahrungen aus Nordkorea

Fragen mich Menschen: „und… wie war es in Nordkorea?“, dann erzähle ich meistens zwei Geschichten.

IMG_9265Die Erste handelt davon, wie wir in einem alten DDR Wagon in der 100m tief, unter dem Fluss von Menschenhand erbauten Metro Pjöngjangs sitzen, eine aus Marmor gebaute Station passieren und neben mir ein Nordkoreaner eine Kopie von Flappy Bird auf seinem Smartphone spielt.

Die Zweite vom Besuch des 1.Mai Stadions. Weiterlesen