„Gaijin“

„Wow, du warst in Japan?“
„Korrekt.“
„Das ist ja so cool! ich wollte schon immer mal nach Japan und habe mir selbst japanisch beigebracht. Wie war es und sieht es wirklich so aus, wie in Anime xy?“

IMG_7959Tut mir leid Japan-Fans:
Ich habe weder Ahnung von Animes, Mangas oder Cosplays, noch war es mein großer Traum nach Tokio zu ziehen.
Umso schwerer fällt es mir, auf solche Fragen eine Antwort zu wissen.

In Japan landete ich durch Zufall. Eigentlich wollte ich nach Hongkong ins Bildungswesen, was jedoch mit Beginn der Regenschirmproteste Ende 2014 unmöglich wurde.
Der Flug nach Asien war bereits gebucht, die Landung in Tokio eine Notlösung. Weiterlesen

Eine Geschichte über Lost & Found

Nach Hause kommen, Wohnungstür schließen, über die Katze stolpern, Tasche abstellen und plötzlich PANIK!
Das Einhorn ist weder in meinem Arm noch an seinem Platz. Ich muss es heute irgendwo liegen gelassen haben! Schnell gehe ich in meinem Kopf alle Wege des Tages durch, schreibe Freunden und auf Twitter.

IMG_20151005_151546313Auch auf Konferenzen verschwindet es ab und an, doch da Menschen mich kennen und ein pummeliges Plüscheinhorn recht ungewöhnlich ist, hat es bis jetzt immer wieder seinen Weg nach Hause gefunden. Allerdings trägt es dort häufig ein Namensschild, das auf meinen Twitter-Account verweist.

Schnell wähle ich die Nummer der Verkehrsgesellschaft.
„Bin ich da richtig beim Fundbüro?“
„Ja“ grummelt eine schlecht gelaunte Frau am anderen Ende der Leitung.
„Ich glaube ich habe soeben mein Einhorn in der Buslinie x liegen gelassen!“ Weiterlesen

Die Radioaktivität im Nacken

In Kiew schaue ich auf mein Strahlen-Dosimeter. Leise summt es im Takt. Das Display zeigt 0.14 µSv/h.
Noch ist alles absolut normal, aber in einer paar Stunden werde ich die Sperrzone von Tschernobyl betreten.
IMG_0941Das erste Mal in meinem Leben habe ich vor einer Reise Angst. Normalerweise kann ich die Gefahren meiner Reisen abschätzen. Man darf es sich nicht mit der Regierung verscherzen, keine Gesetze brechen und sich an Sicherheitshinweise halten. Befolgt man diese simplen Regeln, so hat man häufig nichts zu befürchten.

In Nordkorea bekamen wir sogar einen Zettel mit Verhaltensregeln. Das gibt Sicherheit. Von nun an liegt es an einem selbst, in wie viel Schwierigkeiten man sich bringen möchte, oder hat einfach Pech.
Am Ende hofft man dank seiner privilegierten Staatsbürgerschaft aus seiner misslichen Situation befreit zu werden.
All diese Schäden, so schrecklich sie auch werden können, sind reparabel. Setze ich mich hingegen einmal einer zu hohen Strahlendosis aus, wird dies mein Leben auf ewig beeinflussen.

Freunde und Verwandte sind besorgt, fragen, ob ich mir schon Eizellen habe einfrieren lassen für den Fall, dass ich unfruchtbare werde, oder legen mir nahe, Jod-Tabletten zu nehmen. Das erste Mal kann ich ihre Bedenken nicht mit einfachen Sätzen wegwischen, denn ja ich habe keine Ahnung von Radioaktivität. Weiterlesen

Hiroshima und der japanische Antimilitarismus

August 2015

Während tausende Menschen auf den Straßen Tokyos gegen die geplante Verfassungsänderung protestieren, stehe ich vor dem Gästebuch des „Peace Memorial Museums“. Ein sehr gemäßigter Name für das Friedensmuseum Hiroshimas, das bis ins kleinste Detail die Folgen des Atomschlags der Amerikaner 1945 zeigt.

50Yen (ca 50ct) kostet der Eintritt. Für etwas mehr bekommt man einen Audio-Guide, der einem in vielen Sprachen das Grauen der einzelnen Ausstellungsstücke präsentiert. Nach der Hälfte schalte ich ihn aus, zu traumatisierend sind die Geschichten.

Als die Amerikaner mit der Atombombe „Little Boy“ ganz Hiroshima und auf einen Schlag 80.000 Menschen von der Landkarte löschten, explodierte nicht einmal das gesamte Material. Die geplante Katastrophe hätte schlimmer ausgehen sollen.
IMG_20150831_180233841Das Bild des Ergebnisses ist so schlimm, dass der anwesende Fotograf lediglich in der Lage war, ein einziges Foto zu schießen.
Bis heute ist es das einzige Bild, das die Stadt direkt nach dem Anschlag zeigt.
Brennende Menschen. Die Haare zerzaust, die Haut verbrannt, häufig bis zur Unkenntlichkeit. Viele Leichen können nur noch an ihren Habseligkeiten identifiziert werden. Beispielweise der Name auf der verbrannten Brotdose oder eine Halskette sind jetzt die Dinge, die den Angehörigen die traurige Nachricht übermitteln und Gewissheit schaffen. Weiterlesen

Zu Besuch in Kim Jong Uns Geschenke-Wunderland

Ich blättere mich durch die alten Aufzeichnungen meines Reisetagebuchs auf der Suche nach den Gedanken und Gefühlen, die mich noch Monate beschäftigt haben.
Die nordkoreanische Freundschaftsausstellung ist dabei Sinnbild für die Selbstdarstellung eines Machthabers, der keine Menschen neben sich duldet und am besten mit den Worten „Ich kann das, also will ich es“ beschrieben werden kann.
Als wir zum Ende unserer Reise vor den meterhohen hohen Bronzetüren stehen, die den Eingang in das Geschenke-Wunderland einer Diktatoren-Familie bildet und uns erzählt wird, dass diese in einem Guss gegossen wurden, sind wir bereits abgehärtet von Bronzestatuen und Monumentalbauten aller Art. Die Tür, die locker zwei- bis dreimal so hoch ist wie ich, wird nur noch mit einem Nicken abgetan.
IMG_9881 (2)Als uns von den über 150 Räumen auf über 50.000 m², die natürlich von Menschenhand in gerade einmal drei Jahren erbaut wurden, erzählt wird, laufen nur Zahlen durch meinen Kopf. Ganz lange Zahlen. Irgendwann sind Zahlen einfach nicht mehr zu begreifen.
„Das sind mehr Quadratmeter als die Stadt Münster an sozial genutzter Fläche hat… Oder ein Drittel Saarbrückens…“, erzählt mir später ein Mitreisender und bei dem Versuch, es mir bildlich vorzustellen, muss in meinem Kopf irgendeine Sicherung durchgebrannt sein.
Seit meiner Ankunft denke ich nur noch in Fußballfeldern, doch selbst diese Relation scheint langsam an ihre Grenzen zu stoßen. Weiterlesen

Welcome Back To Capitalism – Was nach Nordkorea bleibt

Da stehen wir nun plötzlich mitten in Peking auf dem Tian’anmen-Platz, starren auf die Touristengruppen, die eifrig Fotos machen und ich fühle …nichts.

Ich bin weder begeistert noch beeindruckt von dem, was ich sehe und dabei stehen wir auf dem wahrscheinlich größten befestigten Platz der Welt.

Oh ein großer Platz… Oh ein großer Park… Oh das Tor des Himmlischen Friedens… Ist ja ganz hübsch hier…

DSC05428Die anderen Touristen können gar nicht oft genug auf den Auslöser drücken, doch für mich ist alles so klein im Gegensatz zu dem, was ich in Nordkorea gesehen habe.
Nach 60m hohen
Triumphbögen, der Freundschaftsausstellung und dem alleinigen Besuch in einem 150.000 Zuschauer Stadion ist alles plötzlich unbedeutend und klein. Fast schon normal.
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Kalter Entzug

Ich trinke keinen Alkohol, nehme keine Drogen, konsumiere nicht ein mal Cannabis und trinke kein Koffein.

Die Müdigkeit setzte bereits nach drei Tagen ein.

DSC05025Morgens klingelte der Wecker zwischen sechs und sieben Uhr, zwischen acht und neun Uhr wurde das Hotel verlassen und es begann eine aufregende Tour durch Pjöngjang, doch spätestens zum Mittag ließen meine Kräfte nach. Häufig legte ich mich mittags noch einmal eine Stunde ins Bett und das, obwohl ich keinesfalls unter Schlafmangel litt. Meistens fiel ich gegen 18 Uhr tot ins Bett und schlief die gesamte Nacht.

Das erste Mal begann ich an Tag fünf meiner Nordkoreareise zu zittern. Weiterlesen

Die Frau im fremden Land – Ein Beitrag über das Reisen allein

Ich reise jetzt einmal allein um die Welt. Mal sehen wie weit ich komme.

So oder so ähnlich waren meine Gedanken, als ich jung und naiv mein erstes Flugticket nach England gebucht hatte.

Willst du das wirklich machen? Bist du ohne Organisation abgesichert? Warum alleine? Als Frau?!

11 Länder, 3 Kontinente und 1,5 Jahre später waren viele Bedenken meines Umfeldes berechtigt, doch es ist lange nicht so schlimm, wie viele Menschen vermuten.

Allein Reisen

IMG_7909Allein mit meinem Rucksack zu reisen hat für mich etwas entspanntes aber auch einsames. Wann immer ich an einen neuen Ort komme, kenne ich keine einzige Person, manchmal spreche ich nicht einmal die Sprache und häufig bin ich mit völlig neuen Kulturen konfrontiert, in denen ich mich erst zurechtfinden muss.

Das Ankommen an einem neuen Ort ist häufig nicht einfach und für mich jedes Mal eine deutliche Tiefphase der Reise. Das Alleinsein zwingt mich jedoch auch, auf neue Menschen zuzugehen, mich nicht bereits mit bekannten Menschen zu umgeben, sondern über meinen Horizont hinauszuwachsen und mich bewusst auf fremde Kontakte einzulassen. Weiterlesen

Andere Länder, andere Müllsysteme – Japan das Land des Plastikmülls

Ich kaufe in einem japanischen Supermarkt einen Schokoriegel und unter einer Verbeugung wird er mir in eine weiße Plastiktüte eingepackt.
Eine neue Plastiktüte für einen Schokoriegel.

IMG_8554Ganz egal, welchen einzelnen Gegenstand man kauft, in Plastik wird er immer eingepackt, selbst wenn man direkt daneben seinen Rucksack öffnet, oder die Stofftasche schon in der Hand hält. Ein Kopfschütteln meinerseits, sowie ein ‚Ii desu.‘ (Ist schon gut) sind meine ersten angelernten Wörter im Supermarkt, noch vor ‚Sumimasen xy arimasu ka?‚ (Entschuldigung, haben Sie xy) und ‚ijou desu‚ (Das ist alles).
Die Verkäufer gucken dann meist irritiert, aber es lässt sich schwer sagen ob das daran liegt, dass ich gegen die Plastiktüten-Konvention verstoße oder mein grottenschlechtes Japanisch einfach schwer verstanden wird.

Nicht nur die Plastiktasche zum Transport ist eine reine Verschwendung, sondern auch häufig die Verpackung des Produktes an sich. Nicht selten ist jeder kleine Keks in der Keksverpackung noch einmal extra verpackt. Was wir nur aus speziellen „Familien-“ oder „To Go“ Verpackungen kennen, erlebe ich beim Öffnen jeder zweiten Tüte.

Noch nie hat sich bei mir so schnell Plastikmüll angesammelt wie in meiner Zeit in Tokio. Tüten, Verpackungen, aber vor allem Plastikflaschen lassen das Müllvolumen explodieren.

Mit viel Müll kommt auch viel Mülltrennung. Dabei ist dieses wie viele andere Regeln in Japan unglaublich streng. Es trennt sich in brennbar oder nicht brennbar. Dabei wird jedoch Papier häufig extra entsorgt und häufig gelten Extrabestimmungen. So muss zum Beispiel der Deckel einer Plastikflasche im Restmüll entsorgt werden und jene vor der Entsorgung von der Folie mit Aufdruck getrennt werden. Sieht die Müllabfuhr ein Vergehen kann es sein das der Müllbeutel nicht abgeholt wird. (ein schöner Blogeintrag dazu: „Brennbar oder nicht brennbar, das ist hier die Frage – Mülltrennung in Japan“) Weiterlesen

„Mein Freund der Führer“ – Ein Blick in das Bildungssystem Nordkoreas

Bildung ist in Deutschland ein hoch anerkanntes Gut. Es soll das selbständige Denken fördern, unsere anerkannten Werte vermitteln und so die Demokratie festigen.

Als wir mit den Planungen unserer Nordkoreareise begannen, wollten wir vor allem einen Einblick in das Bildungssystem erhalten. Uns war bewusst, dass dieses kompliziert werden würde.

Bereits im Vorfeld sprach ich viel mit der Reiseagentur, welche Optionen möglich waren und ob es möglich ist, mit Schülern und Lehrern in Kontakt zu kommen. Versprechen wurden uns keine gemacht, wir wurden lediglich über bestehende Möglichkeiten informiert, welche von unserem Benehmen vor Ort sowie anderen Faktoren und Glück abhängig sind.

DSC04340Nordkoreaner erzählen gerne von ihrem Bildungssystem, das flächendeckend sein soll. Kindergärten und Grundschulen gäbe es überall, Mütter könnten sofort wieder in den Beruf einsteigen, denn die Versorgung des Kindes sei vom Staat gedeckt. Internationale Wettbewerbe sind bereits von nordkoreanischen Kindern gewonnen worden, es gäbe eine Begabtenförderung und über das gesamte Land verteilt gäbe es Universitäten, welche man mit den richtigen Schulnoten besuchen könne. Weiterlesen