Dick-Pics: Der plötzliche Penis im Postfach

Als ich mein erstes Dick-Pic bekam war ich 16 Jahre alt.
Mittlerweile habe ich mit Anfang 20 bereits mehr als 100 Penisbilder ungefragt erhalten.

Während sich irgendwann ein Gewöhnungsprozess eingestellt hat, starrte ich damals noch erschrocken auf meinen Bildschirm und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Mein Körper schien überfordert. In mir kamen abstoßende Gefühle auf. Das Empfinden war gefangen zwischen Ekel und Überforderung.

Die Szene wirkt sehr surreal, so alnge sie sich im Internet abspielt, aber stell dir vor, ein Mann kommt zu dir herüber und hält dir plötzlich seinen Penis ins Gesicht. Meine erster Gedanke wäre es, zuzutreten… aber wahrscheinlich würde ich auch erst mal wie angewurzelt auf der Straße stehen.
Wer ist auf diese Situation schon vorbereitet? Niemand. Schon gar nicht eine junge Teenagerin, die gerade erst ihre eigene Sexualität entdeckt und unerwartet die Sexualität eines Mannes jenseits der 40 aufgedrängt bekommt.

„Würden Männer ihr Verhalten im Internet auf offener Straße zeigen, hätten wir schon lange eine riesige öffentliche Debatte.“

Rückblickend dauerte es für mich ewig, bis ich es schaffte, das Bild dank eines Klicks in die Ecke zu schließen, um dann noch eine ganze Weile angewurzelt vor meinem Bildschirm zu sitzen. Ungesehen gemacht werden kann das Ganze nicht mehr. Ab jetzt erscheint Verdrängen als beste Taktik.

Ich beginne, mich schmutzig zu fühlen. Wie, als hätte das Anschauen des Bildes einen schrecklichen Film über mich gelegt. Es geht einem nicht mehr aus dem Kopf und die Gedanken drehen sich im Kreis. Warum machen Männer das? Warum ich? Warum so ein Bild? Warum habe ich es angeklickt? Fragen auf die mir bis heute kaum jemand eine vernüftige Antwort geben kann.

Aber natürlich hat das Internet das Problem mittlerweile erkannt und stellt ganz wundervolle Tipps wie „5 Antworten die Frauen auf DickPics geben sollten.“ Für mich klingt es eher wie „Guck mal, wie toll diese Frau mit den gesendeten Dick-Pics umgeht.“ Dabei sollten wir doch nicht den Umgang mit dieser Belästigung zelebrieren und ungewollte Penisbilder als lustig abstempeln.
Denn das ist sexuelle Belästigung.

„Das ungefragte Senden von DickPics ist sexuelle Belästigung und somit strafbar.“

Es impliziert die Aufforderung nach einer sexuellen Handlung, stellt ein sexuelles Angebot dar und rast in meine Privatsphäre wie ein Auto mit überhöhter Geschwindigkeit durch den Vorgarten. Noch immer fühle ich mich wütend, wenn ein solches Bild in meinem Postfach landet. Wütend, weil Menschen damit eine Grenze überschreiten und meine negativen Gefühle in Kauf nehmen, vielleicht sogar provozieren zu wollen.
Dass man Nachrichten mittlerweile als ‚gelesen‘ anzeigt, macht es nur noch schlimmer. Männer scheint dieser Haken geradezu zu bestätigen. Ab und an folgt nun ein Text mit der spezifischen Fantasie, wozu gerade masturbiert wird. Von dem, was unbekannte Männer mit mir anstellen wollen, möchte ich mich manchmal übergeben. Häufig sind diese Texte an mich adressiert, versuchen mich einzubinden oder schließen mit einem Cum Tribut ab. (Männer schicken mir ein Bild, wie sie auf meine ausgedruckten Bilder ejakuliert haben)

Damit umgehen kann ich bis heute nicht.
Doch manchmal gehen die Menschen weiter, wollen dann doch mehr als die Gelesen-Haken und beginnen mit Beleidigungen. Sie schickten mir schließlich immer tiefere Fantasien und suchen nun die Bestätigung. Wollen hören, dass ich all ihre Gedanken erwidere. Jedes Gelesen-Häkchen wurde als Erfolg gesehen. Wieso sollte ich mir ihre Nachrichten auch ansehen, wenn ich doch gar kein Interesse hätte.

„Der ‚Gelesen-Haken‘ macht alles nur noch schlimmer. Er gibt Männern Bestätigung.“

Mittlerweile habe ich meine ganz eigene Taktik:

  • Beweisscreenshot machen
  • Melden
  • Blockieren

Eine Taktik zu finden war irgendwann unumgänglich. Zwischen einem Dick-Pic pro Woche und einem pro Monat lag meine Quote und dabei bin ich im Internet doch ausschließlich als Plüsch-Einhorn unterwegs.
Doch gerade diese Kombination aus junger Frau mit einer Vorliebe für Kleider, Beinbilder, Overknees und Plüschtiere, scheint das Kindchenschema von Männern mit schnell springenden Hosenknöpfen anscheinend höher schlagen zu lassen.

Ein gängiges Problem, und doch lese ich mehr Artikel darüber, wie Frauen mit ihrer Opferrolle umgehen, als über Männer, die für diese Straftat verurteilt werden. Im Gegenteil: Wir normalisieren Dick-Pics, die ja schließlich jede einigermaßen hübsche Frau im Internet bekommt. Doch es sind eben nicht nur drei Einzeltäter mit kleinen „Jugendsünden“, sondern zum Teil Dauerbelästigungen.

„Es gibt mehr Artikel über den Umgang mit DickPics, als über das Anzeigen und Veruteilen von Penisbild-Sendern.“

Bei so vielen Dick-Pics, wie Männer versenden mag man doch glauben, dass es auch viele Verurteilungen oder Anzeigen gibt. Schließlich wird sexuelle Belästigung mit einer Geld-, oder Freiheitsstrafe geahndet. Doch die Fälle bleiben begrenzt, fallen kaum auf, denn für eine Anzeige braucht es mehr als nur das gesendete Bild.
Damit das ganze Erfolg hat bedarf es den Chatverlauf, das Bild und vor allem eine Telefonnummer, oder einen Namen des Senders.
In Zeiten des Internets bewegen sich die Sender jedoch häufig in der Anonymität. Hinter Profilnamen und ohne Foto scheint es fast unmöglich, die Identität festzustellen. Die Sender müssen sich auch nicht in Deutschland befinden. Das Verbrechen selbst bleibt somit unbestraft.
Rückblickend hätte es in meinem Fall ein paar Fälle gegeben, in denen ich tatsächlich eine erfolgsversprechende Aussicht auf eine Anzeige gehabt habe. Damals jedoch war ich zu überfordert, als dass ich auch nur über eine Anzeige nachgedacht hätte.
So bleibt nur der digitale Pranger.
Einen Weg, den auch andere Frauen gehen, wenn sie Ausstellungen der ihnen gesendeten Dick-Pics gestalten, oder Geschichten über die Bloßstellungen der Täter im Netz posten. Aber anstatt jungen Frauen zu erzählen, dass sie Dick-Pics auch mit einer eMail an die Polizei anzeigen können und das Anzeigen gegen Unbekannt immerhin ein Ermittlungsverfahren auslöst, in der Hoffnung den Täter zu finden, erzählen wir lieber „10 Lustige Dinge die man mit DickPics tun kann“.

Als ich das erste Mal meine „Dick-Pic Sammlung“ öffentlich machte und ein Dick-Pic Kartenspiel produzierte, wurde ich gefragt, auf welchen Internetseiten ich mich denn so herumtreibe oder womit ich solche Bilder provozieren würde.
Allein in den ersten Gedanken die Schuld wieder bei mir zu suchen, lässt mich nur mal wieder die Augen verdrehen. Dennoch beeinflusst so ein Verhalten natürlich meine Plattformwahl. Internetseiten, in denen ich nicht einstellen kann, wer mir Nachrichten senden kann, benutze ich kaum noch. Seiten, auf denen man zusätzlich noch nach Alter und Geschlecht suchen kann, vermeide ich so gut es geht. Doch Twitter und Dating-Portale bleiben die größten Quellen für Penisbilder. Und das nur aufgrund von Bein- und Kleider-Bildern. Und mein Verhalten ändern? Warum sollte ich aufhören, Bilder von Overknees und Kaffee zu twittern, nur weil ein paar Männer ihren Schwanz nicht in der Hose behalten können?

„Ich stelle mein Verhalten im Internet doch nicht ein, nur weil es Männer gibt, die ihren Schwanz nicht in der Hose behalten können.“

DEOXrnzXYAgof4NDas Gefühl, auf eine Fantasie reduziert zu werden, die häufig rein gar nichts mit der Realität zu tun hat und damit zu einer reinen Masturbationsvorlage zu werden, löst bei mir nur Wut und Empörung aus. Dank meines stetigen Blockens sind die Zahlen jedoch fast auf Null gegangen. Spätestens, seit ich öffentlich mache, aus solchen Bildern Kartenspiele zu bauen, bekomme ich keine Bilder mehr. Für mich hat sich der Gang in die Öffentlichkeit gelohnt.
Anderen Frauen empfehle ich den Schritt zu Anzeige. Für mich ist es der einzige Weg diesen Männern zu zeigen, dass ihr Verhalten nicht rechtens ist,

Bei der Frage, ob meine Kartenspiele eine „Diversity“ Quote haben, muss ich jedoch leider passen: 99,99% der Penisbilder sind nun mal von weißen Männern. ¯\_()_/¯

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