Ein Leben zwischen Propaganda und Führerkult

Als ich zur Welt kam, war Hitler genau 50 Jahre tot, die Sowjetunion aufgelöst und Deutschland bereits wiedervereint.
Führerkult und Kommunismus sind Themen, die mir ausschließlich aus dem Schulunterricht bekannt sind und dort unter anderem so überrepräsentiert waren, dass jedes Mal ein gelangweilter Blick in den Gesichtern von mir und meinen Mitschülern auftauchte, wenn der zweite Weltkrieg mal wieder thematisiert wurde.
Kein Wunder, dass meine Generation „die Welle“ benötigt, um nicht dem Glauben zu verfallen, so etwas könnte nie wieder passieren.
Sieht man zur heutigen Zeit die Aufzeichnung einer Rede Hitlers, so wirkt sie fast schon karikaturartig, ebenso wie die nordkoreanische Selbstdarstellung aus unserer Sicht lächerlich scheint, wenn sie in vielen deutschen Nachrichten mit Schlagzeilen wie „Was plant der Irre aus Pjöngjang?“ durch den Kakao gezogen wird.
Militärparaden musikalisch unterlegt mit dem Hell March und Kim Jong Un Memes sind schon lange aus dem Internet nicht mehr wegzudenken.

Die erste Berührung mit nordkoreanischer Propaganda haben wir tatsächlich noch, bevor wir China überhaupt verlassen haben. Wo sonst vor dem Flugzeug internationale Zeitschriften ausliegen, gibt es die „Pjöngjang TIMES“, welche auf vier Seiten die schönsten Nachrichten Nordkoreas für uns bereithält. Mit seinen Artikeln von „Kim Jong Un weiht einen Staudamm ein“ bis hin zu „Ein Mädchen schreibt gerne Gedichte“ scheint das Blatt fast genauso skurril wie die Regeln, die es mit sich bringt. Knicken darf man die Zeitung nur, wenn dabei das Führerbild auf Seite eins ungeknickt bleibt, wenn das nicht zu vermeiden ist, dann darf der Knick nicht durch das Gesicht, oder den Körper des großen Diktators gehen. Die Zeitschrift wegzuwerfen ist ebenfalls nicht gestattet. Man nehme sie mit, oder lasse sie im Hotelzimmer zurück.
Noch tue ich solche Regeln mit einem Schmunzeln ab, halte ich die ganze Sache doch für unglaublich kleinlich.

Angekommen am Flughafen schauen Kim Il Sung und Kim Jong Il von der Wand aus übergroßen Gemälden im goldenen Rahmen auf uns herab.
Dass die Bilder des Machthabers in jedem Zimmer hängen, kenne ich bereits aus meinem Leben in Marokko, doch diese Portraits sind nicht nur riesig, sie sind auch überall.
Jedes Gebäude, jedes Zimmer, jede große Fläche ist mit den immer selben Abbildungen der geliebten Machthaber geschmückt. In jeden Raum, den wir von nun an betreten werden, blicken wir auf die immer selben zwei Bilder in demselben Rahmen.
Es gibt genaue Regeln, wie groß das Führerbild sein muss, abhängig von der Größe und Wichtigkeit des Gebäudes. Das Ergebnis sind zum Teil riesige Abbildungen auf Häuserdächern, die die Frage aufkommen lassen, wie es machbar ist, später auch noch Kim Jong Un Platz zu bieten.

IMG_9085 (2)Als wir von unseren Reiseführern begrüßt werden, prangen die Gesichter der ehemaligen Machthaber auch auf roten Fahnen-Ansteckern an ihren Hemden direkt über dem Herzen. Nach Belieben zeigen sie entweder das Gesicht Kim Il Sungs oder ihn zusammen mit seinem Sohn Kim Jong Il.
Jene Anstecker sind nicht nur ein beliebtes Modeaccessoire, sondern für jeden Nordkoreaner Pflicht.

Später in der Hotellobby wird nordkoreanisches Fernsehen übertragen. Klassische Konzerte wechseln sich ab mit Landschaften oder Militärparaden.
Fernsehen in Nordkorea scheint wie der Volksempfänger zu NS-Zeiten. Es ist im privaten sowie öffentlichen Raum aufgestellt, beschallt alles mit den Taten des Führers. Ausländische Programme sind verboten.
Abends setzt sich die Familie zusammen, um die von Propaganda geprägten Nachrichten zu gucken. Hier spricht eine traditionell angezogene Frau in energiegeladenem Ton, während Kim Jong Un Blumen an Kampfpilotinnen verteilt, Kinder im Arm hält oder eine Gruppe Soldaten begrüßt, die ihr Glück kaum fassen können.
Dabei wird die Tür offen gelassen, damit Nachbarn, die sich keinen Fernseher leisten können, die Möglichkeit haben, sich dazuzugesellen.

All das steht im Kontrast zu unseren Hotelzimmern. Hier befinden sich weder Führerbild noch sonstige Propaganda-Plakate. Es scheint der einzige propagandafreie Raum Nordkoreas zu sein, und nicht nur das: wir empfangen im Fernsehen sogar Al Jazeera und Teile der BBC.
Während wir außerhalb unseres Zimmers die Überwachung in Form von Videokameras und unseren Reiseführern ständig wahrnehmen, ist mir in unserem Zimmer manchmal unwohl. Das Gefühl, eventuell überwacht zu werden, ist deutlich schlimmer als die eigentliche Überwachung.

IMG_9594 (2)Pjöngjang selbst erscheint wie eine riesige Utopie. Kein Müll auf der Straße, keine Armut, keine Arbeitslosigkeit, ausschließlich junge und/oder schöne Menschen, hauptsächlich Frauen, führen uns durch die riesigen Monumentalbauten, weder Katzen noch Hunde laufen über die Straße.
Zu Beginn ist jedes Bauwerk so beeindruckend, dass ich abends nicht in der Lage bin, meine Gefühle in Worte zu fassen und aufzuschreiben.
Offiziell ist alles vom Führer geplant und beauftragt, alle Menschen halfen natürlich freiwillig und voller Stolz, der Bau wurde in Rekordzeit fertiggestellt, und rote Tafeln zeigen das Datum der jeweiligen Besuche der einzelnen Diktatoren. Dem Architekten scheinen dabei keine finanziellen Limits gesetzt zu sein und wie man an den Gebäuden und Statuen erkennt, mangelt es Nordkorea nicht an Marmor und Bronze.
So faszinierend der protzige Stil in Pjöngjang auch ist, es hat einen bitterbösen Beigeschmack, wenn man weiß, dass die Landbevölkerung hungern muss, während man gerade die Marmortreppe eines Museums hinaufsteigt.

Wir werden durch die wichtigsten Gebäude Pjöngjangs geführt, in denen uns stolz die Rolltreppen und Computersysteme gezeigt werden. Man legt sehr viel Wert darauf, modern zu sein und dem Westen technologisch in nichts nachzustehen. Im Palast des Volkes sehen wir automatische Buchausgabe-Systeme in der Bibliothek, Whiteboards, Projektoren und Aufzüge.
Andere Touristen erzählen uns, dass die Aufzüge häufig nur für sie angeschaltet worden sind. In der Freundschaftsausstellung erlebe ich es tatsächlich, dass für uns extra eine Fahrstuhlführerin angelaufen kommt, nachdem wir auf Wunsch meiner Reisebegleitung die Route geändert haben, um das Flugzeug zu bestaunen.
IMG_9131 (2)Ebenfalls begeistert sind die Nordkoreaner von ihren Smartphones. Hübsch und modern sind sie, man kann auf ihnen Spiele spielen und erreicht seine Freunde und Familie rund um die Uhr. Einige Nordkoreaner neben mir im Fahrstuhl lesen auf ihrem Mobilgerät auch Zeitungsartikel.
Die Bevölkerung guckt nicht interessiert oder neidisch auf die Geräte westlicher Touristen, sondern sie erzählen stolz und gerne von der nordkoreanischen Smartphone-Technologie, die (wie soll es auch anders sein) ein Geschenk von Kim Jong Un ist.
Ein solches Gerät muss man sich selbst kaufen, kostet ca. 300€ (soweit man den kuriosen Umrechnungskursen in Nordkorea trauen kann) und wird nur gegen die Vorlage einer ID-Card ausgehändigt. Der Grund: Nur volljährige Staatsbürger (in Nordkorea ist man ab 17 Jahren erwachsen) dürfen ein Smartphone besitzen und dann auch nur ein einziges pro Person.
Die Ausgabe ist damit nicht nur begrenzt, sondern die Kommunikation der einzelnen Menschen kann perfekt überwacht werden. Jedes Gerät ist genau einer Person zugeordnet, wen sie anruft, wem sie schreibt und alle weiteren Informationen können gespeichert, kontrolliert und ausgewertet werden.
Mit meinem ausländischen Telefon kann ich kein nordkoreanisches Netz empfangen. Das Mobilfunknetz endet für nordkoreanische Telefone jedoch auch drei Kilometer nach der Stadtgrenze Pjöngjangs und ist damit abseits der Hauptstadt nicht verfügbar.

Das Smartphone ist wie alle anderen Errungenschaften ein Geschenk des Staatsoberhauptes. Ganz egal ob Technologie, U-Bahn, oder Tschusche-Ideologie, alles sind Ideen der großen Führer, die ihnen anscheinend über Nacht eingefallen zu sein scheinen. Beim Betreten eines jeden Gebäudes hört man die Geschichten des Führers, bei jeder längeren Unterhaltung fallen mindestens die Namen, von jeder Straßenseite blicken einem die Gesichter von Kim Il Sung und Kim Jong Il entgegen.
Wir verbringen Stunden damit, Geburtshäuser zu besichtigen oder den Park zu besuchen, in dem Kim Il Sung immer gelesen hat.
Bereits nach wenigen Tagen können wir den Namen Kim nicht mehr hören und sind von verrückten Heldengeschichten mehr als gesättigt.
Der Führerkult ist nicht nur anstrengend, er hängt mir zu beiden Ohren hinaus.
Es scheint fast, als hätte man kein anderes Thema als die großartigen Werke der großartigen Führer. Dabei ist es erstaunlich, wie viel die Menschen über Kim Il Sung und Kim Jong Il wissen, wohin gegen über Kim Jong Un nichts bekannt ist. Man weiß, dass er in Pjöngjang geboren wurde, verheiratet ist und auch irgendwo in Pjöngjang lebt, mehr jedoch auch nicht. Es gibt keine großen Geschichten und Sagen über ihn, man weiß nicht, ob er wirklich in der Schweiz studiert hat oder bereits Vater geworden ist.
Trotzdem lieben ihn die Menschen.

Wie weit diese „Liebe“ geht, merke ich am stärksten beim Besuch der Eliteschule außerhalb Pjöngjangs. Wir dürfen das erste Mal mit Schülern sprechen. Diese lernen gerade für einen Englischtest und sind daher glücklich, ein bisschen Sprachpraxis zu sammeln. Sie stellen uns auf englisch Fragen und wir antworten.
Auf die Frage was unser großes Lebensziel/ unsere große Passion sei, wissen wir erst mal keine Antwort. „Ich möchte weiterhin gute Noten schreiben, die Klassenbeste bleiben und so unseren großen Vater Kim Jong Un stolz machen, um vielleicht später in Pjöngjang arbeiten zu können.“, erklärt uns daraufhin die junge Fragestellerin.
Kim Jong Un nimmt wie sein Vater und Großvater nicht nur die Rolle eines Staatsoberhaupts ein, sondern hat einen gottähnlichen Status.
Die Straßen sind gesäumt mit Propaganda-Plakaten, Statuen und aufwendigen Mosaikbildern der verstorbenen Führer. Man kann keinen Meter weit gucken, ohne in das Gesicht eines der Kims zu blicken. Ständig präsent wachen die alten Diktatoren über die Bevölkerung.
Dies ist eines der Gründe, warum Kunst einen so hohen Stellenwert in Nordkorea hat. Hammer, Sichel und Pinsel sind die Symbole des Landes und man ist stolz dass „Künstler“ ein mehr als anerkannter Beruf ist, welcher sehr bewundert wird.
IMG_9294 (2)Riesige Mosaikwände, wie sie in der U-Bahn zu finden sind, spiegeln sehr gut die Kunstszene Nordkoreas wieder. Wie alles andere ist auch jedes künstlerische Werk riesig, häufig monumental und in irgendeiner Weise auf den Führer bezogen.
Oft zeigt es den Führer direkt oder Orte, welche in direkter Verbindung zur Führerfamilie stehen. Ebenfalls gern beruft man sich auf koreanische Traditionen und stellt die schönsten Seiten Koreas in den Vordergrund.
Jede noch so kleine Stadt verfügt über eine Steintafel mit Worten des Führers, eine Statue von Kim Il Sung und/ oder Kim Jong Il oder Mosaikbilder mit den Geburtsregionen der Führer, den Stärken Koreas oder andere Propaganda.
Kim Jong Un ist lediglich auf Abbildungen in der Freundschaftsausstellung zu finden oder auf Gemälden, die ihn in Begleitung seines Vaters an wichtigen Orten, wie zum Beispiel dem Kinderpalast zeigen. Im Kriegsmuseum findet man wie in der Freundschaftsausstellung ein Wachsbildnis seiner Person, öffentliche Bronzestatuen, Portraits, oder Mosaikbildnisse bleiben jedoch aus. Dieses geht auf eine Aussage Kim Il Sungs zurück, nach der er ausschließlich nach seinem Ableben Statuen und Abbildungen von sich selbst ausgestellt haben möchte. Seitdem ist diese Prozedur eine Ehre, die erst nach dem Tod eines Führers in die Tat umgesetzt wird.

DSC04299 (2)Der Führerkult ist unbeschreiblich und faszinierend. Gerade zu Beginn interessieren mich die Geschichten und Mythen rund um die Diktatoren, bereits nach dem ersten Tag jedoch beginnt der Führerkult und die ständige Begleitung unserer Reiseführer anstrengend zu werden. Irgendwann kann ich die Namen der Diktatoren nicht mehr hören. Wenn jede Antwort auf die von mir gestellte Frage Kim Jong Un ist, dann wird es anstrengend, eine Konversationen zu führen.

Den Verlust meiner Privatsphäre kenne ich nach gemischten 10-Bett-Zimmern oder Zwei-Zimmer-Wohnungen zu fünft nur zu gut. Trotzdem zerrt die ständige Überwachung an meinen Nerven. Keinen Schritt kann ich wagen, ohne ein paar Augen auf mir zu spüren.
Viel schlimmer ist, dass durch den Führerkult viele historische Wahrheiten absolut sind. Wissenschaftliches Denken oder das Hinterfragen von Strukturen wird nicht vorgenommen. Museen zeigen die Führerperspektive. Das U-Bahn Museum enthält keine Information darüber, wie die U-Bahn gebaut wurde, sondern lediglich, dass der Führer über Nacht die Idee hatte, eine U-Bahn zu bauen, dieses dann tat und immer mit Rat und Tat den Bauarbeitern zur Seite stand. Den Krieg haben nicht die Soldaten, sondern hat der Diktator entschieden. Die Tschusche-Ideologie ist von Kim Il Sung niedergeschrieben und im Anschluss für die absolute Wahrheit erklärt worden.
Das ganze erreicht seinen Höhepunkt, als wir durch eine Grotte spazieren. Statt spannenden Geschichten zur Entstehung der Grotte lauschen wir Erzählungen von Fabelwesen, die der große Führer in den Steinen erkannt hat.
Mir war bewusst, dass die Propaganda Nordkoreas überall allgegenwärtig sein wird, mir war bewusst, dass uns Monumentalbauten und Führerkult erwarten, dennoch hinterlässt das Gesehene in mir Erschrecken, Wut und Trauer.

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