TINCON 2017 – Schönes Design, gutes Programm, aber auch Kritik

IMG_20170625_122644_152Als wir das Kraftwerk in Berlin pünktlich zum TINCON Beginn betreten, ist der Raum so gut wie leer.
Es handelt sich um die teenageinternetwork convention für Jugendliche von 13-21 Jahren, mit Vorträgen, Workshops und Diskussion. Eltern sind dabei Tabu, bzw. dürfen nur Sonntags vorbeischauen. Der Rest des Wochenendes gehört den Jugendlichen ganz allein.
Nicht verwunderlich also, dass es noch so leer ist, schließlich werden Schüler in Berlin im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht freigestellt.
Auch die „großen Gäste“ hat man erst Samstag und Sonntag eingeplant.

Doch leider blieb die Veranstaltung überschaubar. 1000 Jugendliche kamen über drei Tage verteilt. Das sind immerhin genauso viele wie letztes Jahr und doch schaffte die TINCON 2017 in Hamburg 500 mehr in nur einem Tag.

Dabei ist diese Veranstaltung ein so wundervolles Konzept für junge Menschen, dass mich bereits letztes Jahr begeisterte.

DESIGN

Wie auch schon letztes Jahr begeistert die TINCON mit wundervollen Designs.

IMG_20170625_122644_154Beim Raumkonzept ist man weg von Bühnen und abgetrennten Räumen. Die einzelnen Stellen der Halle werden mit unterschiedlichem Licht in Bereiche gegliedert. Nachrichten aus Neon-Farben-Klebeband zieren den Beton. Die einzelnen Bühnen bestehen nicht mehr wie letztes Jahr aus großen bestuhlten Räumen, oder gar einem Theatersaal, sondern sind mit typischen Re:publika Blöcken und Matten zum Sitzen umstellt.
photo_2017-06-29_17-34-44Mir gefällt das Konzept, auch wenn das schummrige Licht für Frauen mit Einhörnern, die zu wenig geschlafen haben zu erhöhtem Gähnen führt. 😉

Nach und nach versorgt das Guerilla-Stricken-Angebot die Wände und Pfeiler mit Farbe. Die Beutel tragen dieses Jahr die Aufschrift „BRAINS HEARTS HEROS“ und beschreiben die Veranstaltung damit wirklich unglaublich gut.
Auch die Winkekatze darf natürlich nicht fehlen und das Logo und die Werbeplakate haben dieses Jahr wieder tolle Farben und Ideen.
Wie auch schon letztes Jahr bin ich absolut begeistert.

PROGRAMM

IMG_20170625_122644_167Insgesamt zwei Stages, eine Workshop-Area, einen Bereich für Funk, einen Bereich für den SmartMirror und zwei kleine ‚Bars‘ bilden die Veranstaltung.
Draußen wird von Geflüchteten Essen angeboten. Später findet sich auch das ‚Secrets of the Ocean‘ Team ein.
Damit hat das TINCON Angebot aus meiner Sicht zum letzten Jahr abgebaut.

2016 gab es neben den zwei Mainstages auch noch kleine Bühnen für Speaker aller Art. Mit Schaukeln im Garten, Fotobus, Projektpräsentationen und mehreren ganztägig betreuten Workshops konnte das Programm dieses Jahr nicht mithalten.
IMG_20170625_122644_160Während ich letztes Jahr noch meine eigene Brille 3D-drucken konnte, meinen eigenen Mal-Roboter bastelte, Nachrichten per digitaler Schleuder an die Wand warf und eine recht große Essensauswahl hatte, konnte ich mich dieses Jahr lediglich mit dem Thema Ozean beschäftigen, oder YouTube Videos gucken und Videospiele spielen. Tut mir leid, TINCON Team, dafür muss ich nicht auf eine Veranstaltung gehen.
Der Kalligraphie-Workshop war tatsächlich der einzige der mich dieses Jahr richtig begeistern konnte.
Ich möchte einen Einblick in neue Dinge erhalten, Ausprobieren und mich nicht in einen FUNK-Stand mit Kopfhörern setzen und Videos schauen.

Umso mehr hat mich das Konzept der U21-Bühne, welche letztes Jahr als Vorschlag kam, begeistern können.
IMG_20170625_122644_161Wenn wirklich alles, von Licht über Kamera bis Technik von jungen Menschen gemacht wird, dann passieren natürlich auch Patzer, doch man konnte bei all den motivierten jungen Menschen niemandem böse sein.

Die Speakerliste selbst war unglaublich gut aufgestellt. Jugend Rettet, die Gründer von Telonym, June Tomiak, Yusra Madini, und noch so viele weitere tolle junge Menschen, dass ich an dieser Stelle am besten die komplette Speakerliste verlinken würde.
Selten habe ich so viele motivierende und  junge Talente gesammelt auf einer Bühne gesehen.

PREIS-LEISTUNG

IMG_20170625_122644_157Wie bereits im letzten Jahr kostet ein Ticket für drei Tage 25€. Dieses Jahr jedoch mit der 2-für-1-Ticketaktion. Tickets waren im Vorverkauf somit für 12,50€ erhältlich.

Ein unschlagbarer Preis, wenn man bedenkt, was auf einer kommerziellen Veranstaltung verlangt wird, nur um einem YouTube-Star kurz die Hand zu schütteln.
Da hat die geringe Teilnehmerzahl auch ihre Vorteile. So bleibt die Möglichkeit eines Gesprächs mit Speakern und genug Zeit für Fotos und Autogramme.

KAMERAS

Nicht nur die Bühnen wurden dieses Jahr gefilmt, sondern auch die Zuschauer.
Ich bin erst 15 min auf der Veranstaltung, doch wurde bereits von drei Menschen mit Kameras unter anderem direkt ins Gesicht gefilmt.
Ein Einhorn zieht Aufmerksamkeit auf sich, doch jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich Kameras hasse.
Es stört mich nicht, irgendwo im Hintergrund zu sehen zu sein, oder meine Stimme im Radio oder im Podcast zu hören, doch wenn man mir eine Kamera ins Gesicht hält, dann finde ich das alles andere als lustig.

Vor allem den Umgang mit meiner Kritik fand ich mehr als unpassend.

„Können Sie bitte nur das Einhorn und nicht mich filmen?“
„Wieso das denn?!“ (hält die Kamera weiter auf mein Gesicht)

dokumentationszweckeMeine Bitte zu ignorieren, oder mich erst erklären zu lassen, ehe das Verhalten geändert wird, ist eine schreckliche Art.

Ich verbrachte die meiste Zeit damit, mein Einhorn vor das Gesicht zu halten, vermied es, mich in die ersten Reihen eines Talks zu setzen und man hörte mich kaum noch Fragen an Speaker zu stellen, denn die Kameras wanderten meist mit dem Mikrofon-Würfel.

All meine Kritik wurde mit „Das ist ja alles nur für Dokumentationszwecke“ abgetan. „Wir selektieren das“, hieß es weiter. Alles kein Problem, wenn ich mich dem Ganzen entziehen könnte. Ich würde auch ein rotes Schlüsselband tragen, um meine Bitte, mich nicht zu filmen zu signalisieren. Aber alle Menschen durch das Betreten des Geländes zustimmen zu lassen, das geht gar nicht.
Vor allem, wenn man keine filmfreien Rückzugsmöglichkeiten bietet. Durch das oben noch von mir gelobte Raumkonzept kann ich mich in der großen offenen Lokalität niemandem mit einer Kamera entziehen. Um Kameras zu entgehen und meinen Stress abzubauen musste ich das Gelände verlassen.
Nur weil ihr euch Internet, Blogging und YouTube auf die Fahne schreibt, heißt das nicht, dass ich als Besucher auch gerne gefilmt oder fotografiert werde.

Zudem war ich mit weiblicher Partnerin unterwegs, ohne vor meiner Familie geoutet zu sein. Meiner Großmutter habe ich jedoch begeistert vom Konzept der TINCON erzählt.
Jeden Tag schaute ich aufs Neue die Online-Bildergalerien durch, mit der Angst, im ganzen Internet zwangsgeoutet zu werden.

Für mich hat diese Art der Policy dazu geführt, mich auf der Konferenz einzuschränken, mich zu stressen und mir Angst zu machen.
Ich werde keine weiteren Veranstaltungen mit dieser Regelung besuchen.

Und für 2018?

Da wünsche ich mir mehr ganztägige Workshops, mehr interaktive Möglichkeiten, das Konzept von Lightning Talks, eine bessere Regelung für Kameras und einen Rückzugsort.
So toll der offene Ort auch ausgesehen haben muss, mit zu wenig Teilnehmern funktioniert dieses Konzept nicht, sondern sorgt nur dafür, dass alles noch weniger besucht aussieht.

Auch wünsche ich mir, den Speakern mehr Zeit einzuräumen. Lieber noch eine weitere Bühne aufmachen und das Programm größer verteilen. Gerne hätte ich Ralph Caspers noch länger zugehört, der am Ende durch seine Tiefsee-Fisch-Vorstellung eilen musste. Martin Sonneborn beginnt seinen Vortrag sogar mit dem Bedauern, nur 30 Minuten zu haben, und andere Vortragende nehmen einfach noch die angedachte Fragezeit mit als Vortragszeit.
IMG_20170624_131412_386Wir jungen Menschen können durchaus länger als 30 Minuten zuhören und bei so vielen Themen hätte ich mir die volle Stunde gewünscht.

Wer weiß, ob ich als „alte Frau“ nächstes Jahr noch mal wieder kommen kann.
Aber freuen würde ich mich auf jeden Fall, denn das
Konzept der TINCON ist auf jeden Fall eine der Ideen, die man fördern sollte.
Vielleicht ist jetzt die Zeit über ein neues Werbekonzept nachzudenken, zu analysieren, woher der Teilnehmereinbruch kam und was man allgemein in der medialen Aufmerksamkeit verbessern kann.
Dann schafft man zum nächsten Jahr vielleicht mal ein volles Haus. Zu wünschen wäre es.

 


Aktualisierung (01.07.2017 | 15:43): Fälschlicherweise schrieb ich, 
dass die Veranstaltung in Berlin von 500 Teilnehmer besucht wurde. 
In Wahrheit waren es 1.000 Besucher in Berlin und 1.500 Besucher in Hamburg.
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One thought on “TINCON 2017 – Schönes Design, gutes Programm, aber auch Kritik

  1. Danke für den langen Bericht und auch für die Kritik – dass dir so nahe gekommen wurde beim Filmen/Fotografieren ist weder in unserem Sinne noch gut. Darüber werden wir hier mit allen reden. Das hat auch mit dem Schild nichts zu tun, das ist ein Standard bei öffentlichen Events, der aber nicht dazu berechtigt, jemanden zu bedrängen oder dauernd zu fotografieren.

    Wir kümmern uns darum und antworten auch noch länger auf deine Mail an uns. Danke fürs Bescheidsagen. Nur, wenn wir sowas mitbekommen, können wir es verbessern.

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